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Sterne und die Zahl ihrer Zacken - Dr. Christian Pinter - Astronomische Beobachtungstipps

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Dr. Christian Pinter
Beobachtungstipps
Astronomische
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Wie viele Zacken braucht ein Stern?
Sterne sind Gasbälle. Manche werden durch rasche Rotation abgeplattet, wie z.B. der Löwenstern Regulus. Doch im großen und ganzen bleiben sie kugelrund. Aus unserer Distanz schrumpfen diese Gaskugeln zu Lichtpunkten zusammen. Moderne Himmelsatlanten stellen sie als schlichte Kreisflächen dar: Der gewählte Durchmesser spiegelt die scheinbare Helligkeit wider.
Der Sternhaufen der Plejaden, dargestellt vom Desktop-Planetarium Guide (Screenshot)
Unser Auge ist aber nicht perfekt: Helle Lichtpunkte werden oft als stabförmige oder gezackte Gebilde wahrgenommen. Die vermeintlichen Zacken entstehen also erst im menschlichen Körper.

Dieser Wahrnehmungsfehler erklärt womöglich den Brauch, Sterne als regelmäßige Figuren mit Zacken darzustellen - etwa auf Nationalflaggen. Doch wie viele Zacken braucht ein Stern eigentlich, um sich für derartige Zwecke zu eignen?


Beliebt sind vier bis acht, vor allem aber fünf

Im einfachsten Fall sind es drei lange Zacken. In einem Kreis eingeschrieben, entsteht der Mercedes-Stern - der Nachfahre des Daimler-Dreizack-Sterns aus dem Jahr 1909. Er thront weithin sichtbar über Stuttgart.

Vier Zacken verwandeln einen Stern in eine Raute (Rhombus). Dann sieht er allerdings einem schlichten Quadrat ähnlich oder dem Karo beim Kartenspiel.
Beides ist wenig eindrucksvoll; es sei denn, man verbiegt die Kanten des Karos kurvig nach innen.

Eine solche Figur entsteht zwischen vier gleich großen, einander berührenden Kreisen, die man in ein Quadrat mit einer Seitenlänge vom doppelten Kreisdurchmesser zeichnet.
Bei radikaler Anwendung dieser Biegetechnik mutiert das anfängliche Karo immer mehr in Richtung eines Plus-Zeichens +. Eine Automobilmarke aus Fernost setzt sechs dieser vierzackigen Sterne in ihr ovales Logo: Im Japanischen bezeichnet der Name Subaru die Plejaden - bei uns Siebengestirn genannt.
Die überaus aktive Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie (WAA) zeigt diesen Sternhaufen in ihrem Signet mit acht vierzackigen Sternen.  
Schenken wir dem Stern noch eine Zacke, landet man bei der häufigsten Darstellungsweise: von Peking über Moskau bis Washington, von Sao Paolo bis Anchorage, Alaska, tragen Sterne meist fünf Zacken. Auch der Stern * auf der PC-Tastatur ist so gestaltet.
Allegorie der Astronomie am Camposanto di Pisa - mit 6-zackigem Stern am Haupt
Mit sechs Zacken erinnert der Stern an ein Hexagramm und den wohl im 17. Jh. daraus abgeleiteten Davidstern. Für Juden symbolisiert er die Verbindung zu Gott. Man findet ihn auch auf der Flagge des Staates Israel.
Bei uns galt der sechszackige Stern unter anderem als Hauszeichen der Brauer (seit 1720 z.B. am Sternbräu in der Stadt Salzburg). Nach dem Schild "Zum weißen Stern" ist in der Wiener Innenstadt gleich die ganze Sterngasse benannt worden.

Stella Artois, ab 1925 als Weihnachtsbier gebraut, trägt den Stern schon im Namen (lat., stella; Stern). Jener im Logo hat allerdings bloß fünf Zacken. Offenbar dachte man bei der Namenswahl an die Geschichte vom Weihnachtsstern.

1492 kam es in Ensisheim, Elsass, zum ersten Meteoritenfall Europas (Artikel). Seit 1640 wird im elsässischen Hochfelden Bier gebraut: Der Name Meteor Bier kam dort erst 1925 in Gebrauch. Auf dem Etikett und den Kronkorken der Bierflaschen sah man bis vor kurzem fünfzackige Sterne - und einen ebenso fünfzackigen Meteor.
In Grönland wacht die legendäre Sirius-Schlittenpatrouille der dänischen Streitkräfte. Ihr Emblem trägt unter anderem einen sechszackigen Stern mit einem zähnefletschenden Hund.

Die silbernen oder goldenen Sterne auf den Uniformen der österreichischen Polizei sind sechszackig, während Sheriffs in den USA zumeist einen siebenzackigen Stern als Erkennungszeichen tragen.

Jeweils sieben Zacken besitzen auch die Sterne auf der australischen Flagge. Nur der schwächste Stern des Sextetts muss sich mit fünf Zacken begnügen.
Dass es auch mit acht Zacken geht, bewiesen die alten Babylonier: Sie symbolisierten auf diese Weise die Venus - das Gestirn ihrer mächtigen Kriegs- und Liebesgöttin Ishtar. Und auch in der Landstraßer Hauptstraße in Wien gibt es seit 1810 ein Hauszeichen, in dem ein achtzackiger Stern zum Kopf eines Kometen wurde.
Der Architekt Josef Reymund schuf 1810 das "Kometenstern-Haus" in Wien 3
Am Haaderhaus im niederösterreichischen Langenzersdorf sind griechisch-römische Gottheiten abgebildet. Vier davon fahren im Wagen. Bei zwei dieser Wägen erinnert das Rad an einen Stern. Das der Eos-Aurora (Göttin der Morgenröte) besitzt acht Speichen.
Die Göttin der Morgenröte am Haaderhaus. Sie kommt, ganz korrekt, aus Richtung Ost
Das Rad am Wagen der nachts jagenden Artemis-Diana (sie gilt auch als Mondgöttin) hat hingegen bloß fünf.
Das Haaderhaus war einst die Poststation. Hier die jagende Mondgöttin Diana
Acht Zacken - oder vielleicht besser: Strahlen - weisen oft Strohsterne auf. Ich habe aber auch schon Exemplare mit 12 oder 16 gesehen.

Diese Dekorationsstücke kamen im 19. Jh. auf. Sie sollen ebenfalls an den biblischen Weihnachtsstern erinnern; ebenso an die Krippe, in der der neugeborene Jesus gelegen haben soll.
Keine Zacken, aber Speichen?

Manchmal sieht man Himmelsfotos, auf denen vier Speichen von jedem hellen Stern wegziehen - etwa so wie auf dem weiter oben gezeigten Logo der WAA. Solche Figuren entstehen erst im Instrument, durch die Beugung des Lichts an der Fangspiegelhalterung (Spinne genannt) von Spiegelteleskopen newtonscher Bauart. Fernrohre anderen Typs besitzen keine Spinne. Dort ist die Sternabbildung einfach rund.

Mitunter verziert man trotzdem auch Fotos, die mit spinnenfreien Teleskopen gewonnen wurden, mit dekorativen Sternspeichen.
Dazu montiert man ein Kreuz aus zwei oder drei schmalen Balken vor die Fernrohröffnung. Jeder Balken wird spiegelverkehrt auch auf der anderen Seite des Sterns abgebildet werden. Daher reichen im einfachsten Fall auch bloß zwei Halbbalken im rechten Winkel aus.
Als Baumaterial dienen etwa Schaschlik-Spießchen (wie im Bild des Arcturus oben), Stäbchen vom Matador-Baukasten (wie im Bild links) oder Produkte aus einem 3D-Drucker.
Auch für das Dwarf 3 Smart Telescope existieren 3D-gedruckte Vorsätze für Sternstrahlen (hier mit Pfeilen markiert).

Es gibt sogar PC-Programme, die Sternspeichen ins fertige Bild zaubern. Ob man diese Behübschung mag, ist Geschmackssache.
Allerdings dient die Beugung nicht unbedingt nur dekorativen Zwecken: Sie leitet einen Teil des Lichts vom Stern weg. Das kann bei der Aufnahme allzu heller Sterne auch von Vorteil sein, falls man schwache Objekte in deren unmittelbarem Umfeld sichtbar machen möchte.


Alle Angaben ohne Gewähr
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