Kometen - eilige Besucher im inneren Sonnensystem
Kometen lassen sich im Teleskop ständig beobachten und fotografieren. Die allerwenigsten werden allerdings hell genug fürs freie Auge. Nur alle paar Jahre ergibt sich ein wirklich eindrucksvolles Schauspiel, dann zumeist am späten Morgen- oder am frühen Abendhimmel.
War ob seiner Kerngröße eine Ausnahmeerscheinung: Komet Hale-Bopp, 1987
Die aktuelle Helligkeit von Kometen
Der Glanz eines Kometen am irdischen Himmel hängt ab von:
- dem Abstand zur Sonne
- dem Abstand zur Erde
- der Größe des Kometenkerns
- der Gasfreisetzungsrate an der Kometenoberfläche
Die beiden ersten Parameter lassen sich sehr genau vorher berechnen. Größe und Gasfreisetzung sind aber bloß schätzbar, wenngleich der letztgenannte Parameter stark von der Sonnennähe abhängt. Deshalb ist es ein riskantes Unterfangen, die Helligkeit eines Kometen im Vorhinein anzugeben. Es gibt da große Unsicherheiten - und Enttäuschungen.
Normalerweise nennt man Helligkeiten in der Astronomie in Größenklassen (mag). Diese Magnituden-Skala wurde für punktförmige Objekte (Sterne; Planeten ohne Fernrohrvergrößerung) ersonnen. Bei ausgedehnt wirkenden Objekten verteilt sich der Lichtschein aber über die von ihnen eingenommene Fläche. Das gilt auch für Kometen.
In Medienberichten wird dieser Unterschied aus Unwissenheit oft übersehen und die theoretische Größenklasse als tatsächlich sichtbar ausgewiesen. Ein Komet der laut Zeitung, Radio oder TV angeblich "so hell wie helle Sterne" strahlt, mag freiäugig kaum zu erspähen sein - schon gar nicht am aufgehellten Dämmerungs- oder lichtverdreckten Stadthimmel.
Die wichtigsten Komponeten im Erscheinungsbild von Kometen
Kometenkerne sind Körper aus Gestein, Staub und Eis. Ihr Durchmesser ähnelt meist dem irdischer Kleinstädte. Nur wenige sind groß wie z.B. Wien. Damit bleiben Kometenkerne zu schmächtig, um kugelförmige Gestalt anzunehmen. Sie können völlig unregelmäßig geformt sein, z.B. auch wie eine Kartoffel, eine Erdnuss oder eine Hantel.
Verkleinertes Modell des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko bei einer einstigen Ausstellung im Naturhistorischen Museum Wien
Das Gestein im Kometenkern mag die Größe von Felsbrocken oder auch nur die von Kieselsteinen besitzen. Winzige Teilchen mögen klein wie Sandkörner oder Rauchpartikel sein. Sie sind silikatisch und oft kohlenstoffhaltig.
Das Eis besteht nicht nur aus gefrorenem Wasser, sondern auch aus Substanzen, die wir auf Erden vor allem im gasförmigen Zustand kennen, wie etwa Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Sauerstoff, Stickstoff, Ammoniak oder Methan: Der Begriff "gefrorene Gase" ist zwar in sich widersprüchlich und somit falsch - aber naheliegend.
Dieses Gemisch aus Gestein und Eis wurde früher nach einem Bild von Fred Whipple als "schmutziger Schneeball" beschrieben. Heute hält man den Eisanteil für geringer und spricht eher von einem "eisigen Schmutzball".
Schnappschuss links: Fred Whipple 1986 in Darmstadt
Die kometare Materie bleibt weitgehend unverändert, solange sie sich im kalten, äußeren Abschnitt des Sonnensystems befindet. Dort ist sie vor 4,56 Milliarden Jahren auch entstanden. So betrachtet, sind Kometen Zeitkapseln aus der Geburtszeit des Sonnensystems.
Kometen scheinen aus zwei Bereichen zu stammen. Der Kuiper-Edgeworth-Gürtel beginnt hinter der Neptunbahn. Die Oortsche Wolke liegt noch weiter draußen und umhüllt unser Sonnensystem.
Die Umlaufszeiten von Kometen, deren sonnenfernster Bahnpunkt (Aphel genannt) im Kuipergürtel liegt, betragen weniger als 200 Jahre. Die Umlaufszeiten von Mitgliedern der Oortschen Kometenwolke muten uns hingegen wie Ewigkeiten an.
In jedem Fall sind es wohl Bahnstörungen, die Objekte aus diesen beiden Reservoires mitunter ins innere Planetensystem stürzen lassen. Die Herkunft lässt sich aus der Form der stets weiten Ellipsen schließen. Ähneln sie schon fast Parabeln, stammen Kometen aus der Oortschen Wolke.
Sind die Gäste im Reich der Planeten angelangt, beginnen ihnen Licht und Wärme zuzusetzen. Das Eis unter der Oberfläche sublimiert dann; es umgeht die flüssige Phase und verwandelt sich direkt in Gas.
Dieses Gas schießt dann aus vereinzelten Rissen in der Kometenkruste ins Freie, reißt Staub und Steinchen mit sich. Ein Teil dieser Materie fällt auf die Kernoberfläche zurück. Der andere entweicht ins All.
Passiert ein Kometenkern die Jupiternbahn, hüllt die entwichene Materie den - für uns Erdbewohner nicht direkt sichtbaren - Kometenkern ein. Sie formt eine dichte Hülle um ihn herum: Die sogenannte Koma. Diese kann Dutzende Millionen Kilometer durchmessen. Ihre oft grünliche Farbe soll von diatomarem Kohlenstoff (C2) stammen.
Der grün schimmernde Kopf des Kometen Pons-Brooks im Teleskop (April 2024)
In noch geringerer Sonnendistanz von etwa zwei Erdbahnradien beginnt der Sonnenwind einen Teil dieser Materie zu packen und ihn von der Koma weg zu drücken. So entsteht der hunderte Millionen Kilometer lange Kometenschweif. Der Schweif weist immer von der Sonne weg und diente schon vor Beginn des Weltraumzeitalters als Beweis für die Existenz des sogenannten Sonnenwinds.
Schweife sind gewissermaßen Wetterfahnen im Weltraumetter.
Solange der Komet eine enge Kurve um die Sonne zieht, ist der Staubschweif aus kinetischen Gründen gekrümmt. Die größeren, langsamen Teilchen finden sich an der Schweifkante mit der stärksten Krümmung, die kleinen, schnelleren Teilchen auf jener mit der geringsten Krümmung. Staubteilchen können aber nicht beliebig klein sein.
Hale-Bopp im Frühjahr 1987: Nach oben rechts zieht ein bläulich anmutender Ionenschweif davon. Der gekrümmte Staubschweif rechts davon ist auffälliger
Anders ist das mit ionisierten Atomen. Die sind definitiv winzig und werden vom Sonnenwind in kerzengerader Linie fortgedrückt. Kometen zeigen in Sonnennähe daher meist einen gekrümmten Staubschweif und einen geradlinigen Gas- oder Plasmaschweif.
Die Staubteilchen streuen das Sonnenlicht, was dem Staubschweif auffallende Helligkeit bescheren kann. Aufgrund der Teilchengröße mag die Farbtönung ins gelbliche tendieren. Die Ionen des Plasmaschweifs werden von der Sonne hingegen zum Eigenleuchten angeregt. Sie präsentieren sich auf Kometenfotos oft in einem zarten Blau, was an Kohlenmonoxid Ionen (CO+) liegen soll.
Vom Grün der Koma ist im Schweif hingegen nichts zu bemerken, da diatomarer Kohlenstoff (C2) nur in Kernnähe existieren kann. Sonnenlicht zerstört ihn rasch.
Mit zunehmender Distanz zum Kometenkern dünnt die von ihm freigesetzte Materie aus. Sie verliert sich im Raum. Die Schweife büßen somit mit steigendem Kernabstand Helligkeit ein. Nur am wirklich dunklen Himmel überspannen die Schweife eindrucksvolle Weiten. Je aufgehellter der Himmel wegen der Dämmerung oder der Lichtverschmutzung ist, desto kürzer muten uns Kometenschweife an.
Deshalb sind Kometen im städtischen Gebiet heute schlecht zu beobachten und nur in wirklichen Ausnahmefällen eindrucksvoll.
Ein Gasjet des Kometen Churyumov-Gerasimenko, festgehalten von der Sonde Rosetta aus sicherer Distanz. Foto: ESA
Die Staubfreisetzung an der Kometenobfläche erfolgt nicht überall, sondern bestenfalls an isolierten Stellen. Nur dort schießt die Materie fontänenartig ins Freie. Solche Fontänen können sich auch öffnen und wieder schließen.
Denn der Kern rotiert um seine Achse, hält der wärmenden Sonne abwechselnd unterschiedliche Seiten hin. Daher mögen sich konzentrische Hüllen um den Kern legen.
Oben: Der Heidelberger Astronom Max Wolf zeichnete 1907 die Hüllen im Kopf des Kometen Daniel (hier invertiert). Aus: Littrow, Wunder des Himmels, 1911
Die Gas- und Staubfontänen haben Einfluss auf die Rotationsgeschwindigkeit des Kometenkerns. Der Komet 41P/Tuttle-Giacobini-Kresák bremste seine Umdrehung im Jahr 2017 zunächst ein und kehrte sie danach um - wie nachträgliche Anlaysen von Aufnahmen des Hubble Space Telescopes durch David Jewitt ergaben (The Astronomical Journal, 26.3.2026, iopscience.iop.org, USA. Link).
Außerdem kann es zu einem plötzlichen, unerwarteten Anstieg der Staubfreisetzungsrate kommen. Ein solcher Komet erlebt dann einen Helligkeitsausbruch. Legendär ist der Ausbruch beim Kometen Holmes vom 24.10.2007. Er strahlte dabei kurzzeitig etwa 200.000 mal heller als zuvor. Im Teleskop sah ich am 26. Oktober seine Koma im Fernglas und im Teleskop klar gelblich - und das sogar von Wien aus!
Der Kometenkern selbst ist für uns nicht zu erspähen. Dazu ist er zu klein. Seine dunkle Oberfläche reflektiert auch nur halb so viel Sonnenlicht wie Asphalt. Außerdem wird er ja von der helleren Koma verhüllt. Eine zentrale Verdichtung der Koma darf also nicht mit dem wirklichen Kern verwechselt werden.
Damit kennen wir nun die beobachtungstechnisch signifikantesten Teile eines Kometen: Koma, Staubschweif und Plasmaschweif. Die Koma strahlt mit der größten Helligkeit pro Flächeneinheit, gefolgt vom Staubschweif. Am schwächsten glimmt der Plasmaschweif, der sich oft sogar unserem Blick - bzw. dem Kamerasensor - entzieht.
Riskante Sonnenpassage
Der sonnennächste Bahnpunkt wird Perihel genannt. Hier erreichen Kometen die größte Geschwindigkeit.
Die Annäherung an die Sonne kann Stress für den Kometenkern sein. Obwohl die Sublimation des Eises nur recht knapp unter der Kruste passiert, verliert er ordentlich Materie. Manche Kometen überleben das nicht. Sie fragmentieren, wobei die Wärme den einzelnen Fragmenten dann noch heftiger zusetzt.
Solche Kometen scheinen den legendären Ikaros-Flug imitieren zu wollen. Um von Kreta zu fliehen, ersann dessen erfindungsreicher Vater Daidalos einst Flügeln aus Vogelfedern, zusammengehalten mit Wachs. Doch der junge Mann war zu leichtsinnig, stieg allzu hoch auf und kam der Sonne zu nahe. Das Wachs schmolz, die Vogelfedern verloren ihren Halt und Ikaros stürzte ins Meer - das seither ikarisches Meer heißt. Die Insel Ikaria erinnert ebenfalls an ihn.
Komet kaputt: Überreste des MAPS nach der Sonnenpassage. Foto: SOHO/ESA
Auch der Komet C/2026 A1 (MAPS), am 13. Jänner 2026 von französischen Amateuren entdeckt, kam bei seinem Flug der Sonne zu nahe. Nach dem Perihel am 4.3.2026 blieb von ihm nur eine rasch durchs All schießende "Sandbank" übrig. Sie zerstreute sich rasch. Sehen Sie ein Video des Sonnenteleskops SOHO: Der weiße Kreis in der Abdeckung markiert Größe und Position der Sonne (Link zu spaceweather.com, USA).
Manche Kometen - bzw. deren Überreste - stürzen sogar in die Sonne. Auf den SOHO-Bildern erblickt man immer wieder Objekte, denen dieses Schicksal bevorsteht. Ich habe dort schon mehrere Kometen "entdeckt" - zwar unabhängig, aber wohl als einer von tausenden Betrachtern.
Foto: SOHO/ESA
Die weitere Reise
Wer Respektabstand zur Sonne hält, überlebt meist. Kurz nachdem sie das Perhiel durcheilt haben, beginnen Kometen wieder an Helligkeit zu verlieren. Sie verblassen immer mehr.
Denn bei den nun wieder fallenden Temperaturen geht die Aktivität des Kerns zurück. Er setzt immer weniger Materie frei. Der Plasmaschweif verschwindet, dann der Staubschweif. Schließlich ist nur noch die Koma zu erkennen. Auch sie büßt ihren Glanz ein. Irgendwann ist der davon ziehende Komet nicht einmal mehr im Fernrohr bzw. auf Himmelsfotografien zu erspähen.
Der inaktiv gewordene Kern kehrt zurück in die Außenbezirke des Sonnensystems, erlebt vielleicht erst in Äonen ein Comeback. Die Freisetzung von Materie in Sonnennähe mag in Summe wie ein kleines Düsentriebwerk wirken und die ursprüngliche Bahn sogar ein wenig verändert haben. Man spricht hier von nichtgravitationellen Effekten.
Manche Kometen werden hingegen rein gravitationell vom mächtigen Planeten Jupiter gestört. Er manipuliert ihre extrem langgezogenen Bahnellipsen, schenkt diesen kreisähnlichere Formen und kürzere Umlaufszeiten. Der Riesenplanet hat so eine ganze Kometenfamilie um sich geschart.
Jupiters Kometenfamilie. Aus Littrow, Wunder des Himmels (1911)
Verblassende Berühmtheiten
Solche Kometen sind dazu verdammt, im Abstand weniger Jahre oder Jahrzehnte immer wieder in Sonnennähe zurück zu kehren - wie der legendäre Komet Halley (Umlaufszeit: 84 Jahre). Bei jeder Sonnenpassage geht Materie verlustig. Häufige Besucher verlieren rasch an Attraktivität, sogar jene mit altvertrauten Namen. Sie verdanken ihren Ruf meist früheren, auffälligeren Gastspielen: Heute sind sie aber recht unauffällig.
Manche rufen sich alljährlich in Erinnerung: Die von Kometen freigesetzte Materie bildet schlauchähnliche Gebilde im All. Manche dieser Schläuche kreuzen die Erdbahn. Die Erde schießt dann jedes Jahr zur selben Zeit durch die meist schon vor Jahrhunderten verloren gegangene kometare Materie hindurch.
Sichtbares Ergebnis sind Meteorströme. Deren Partikelchen dringen mit kosmischen Geschwindigkeiten in die Erdatmosphäre ein und verdampfen. Das Gros aller aufblitzenden Sternschnuppen geht offenbar auf Kometen zurück.