Neptun, Galilei & Leverrier
Bald nachdem Wilhelm Herschel 1781 den Uranus entdeckt hatte, stieß der Deutsche Johann Elert Bode auf frühere Beobachtungen, bei denen dieser Planet als vermeintlicher Fixstern geloggt wurde.
Eine verräterische Bahnstörung
So besaß man schließlich Positionsmessungen des Gestirns, die bis ins Jahr 1690 zurückreichten. Allerdings schienen die Datensätze von vor und nach 1821 nicht exakt zusammen zu passen. Wie sollte man das erklären?
Die nachfolgende Grafik illustriert, was ums Jahr 1821 passiert ist. Sie zeigt die Bewegungen von Neptun und Uranus, und zwar von der Sonne aus betrachtet.
Dabei wird klar: Uranus und der fernere Neptun zogen 1821 scheinbar aneinander vorbei. Dabei beeinflusste der damals ja noch unbekannte Neptun die Bahn des sonnennäheren Uranus.
Wettstreit um die korrekte Vorherberechnung
Sehen konnte man nur die entsprechend gestörte Bewegung des Uranus. Daraus versuchten zwei Männer, den Orbit des Störenfrieds zu berechnen: Der französische Himmelsmechaniker Urbain Leverrier und der Engländer John Couch Adams.
Leverrier bat schließlich den deutschen Astronomen Johann Gottfried Galle in Berlin, am vorhergesagten Ort zu suchen. Das tat Galle auch - und wurde sofort, noch in der Nacht vom 23. zum 24. September 1846, fündig. Mein Buch Helden des Himmels erzählt die spannende Geschichte.
So wie in der Grafik links wird Galle den Neptun erstmals erblickt haben.
Wer möchte, mag sein Teleskop an diese Himmelsstelle richten.
Koordinaten laut GUIDE:
RA 22h 01m 30.5s
De: -12° 40' 22" (2000)
Die nachträgliche Analyse zeigte: Leverriers Berechnung war dem tatsächlichen Ort des Planeten immerhin auf 1 Grad (zwei Vollmonddurchmesser) nahe gekommen!
Adams hatte mehrere Prognosen vorgelegt. Selbst die beste verfehlte den Planeten um 2,6 Grad (fünf Vollmonddurchmesser). Das runde Gesichtsfeld in der Grafik entspricht übrigens einem Vollmonddurchmesser.
Mit der Entdeckung des Neptun wuchs der Radius des Planetensystems neuerlich dramatisch, und zwar um das 1,6-fache.
Neptun, fotografiert mit 2000 mm Brennweite. So etwa muss ihn auch Galle bei hoher Vergrößerung gesehen haben
Galilei hatte ihn schon vor Augen!
Wieder fand man Vorbeobachtungen. Die älteste stammte von Galileo Galilei (Artikel). Er hatte Neptun im Dezember 1612 und im Januar 1613 neben Jupiter und seinen Monden gesehen und den Anblick in sein Tagebuch eingetragen. Er hielt das lichtschwache Objekt aber für einen Fixstern - und so glitt ihm diese Entdeckung durch die Finger.
So etwa muss Galileo Galilei den Jupiter, dessen Monde und den Neptun am 28. Dezember 1612 in Florenz gesehen haben. Der innerste Mond Io weilt gerade vor der Jupiterscheibe und ist daher nicht zu erspähen. Neptun steht hier ganz links unten. Das tatsächliche Gesichtsfeld von Galileis Teleskop war um ein Drittel kleiner: Er konnte die hier dargestellten Objekte also nicht gleichzeitig sehen!
Galilei ahnte somit nicht, dass sich Jupiter mitsamt seinem Mondquartett dem Neptun am Himmel immer mehr näherte. Am 3. Jänner 1613, noch vor dem Aufgang am florentiner Osthorizont, hatte er sich sogar vor Neptun geschoben. Solch gegenseitigen Planetenbedeckungen treten extrem selten ein!
Am 4. Jänner um 5:40 (MEZ) tauchte Neptun am gegenüberliegenden, westlichen Jupiterrand wieder auf. Dort stand mittlerweile auch der Jupitermond Io.
Rechts: Jupiter hat den hier blauen Neptun wieder freigegeben, Io leistet diesem Gesellschaft. Grafik erstellt mit Guide 9.0
Das Trio weilte in halber Himmelshöhe über Florenz. Wegen des enormen Helligkeitsunterschieds zwischen den beiden Planeten und der unvollkommenen Linsen in Galileis Teleskop wäre das Schauspiel für den Italiener aber wohl nicht beobachtbar gewesen.
Ein Wassergott schenkte ihm den Namen
Benannt wurde Neptun schließlich nach dem alten römischen Gewässergott, seines Zeichens wiederum die Entsprechung des griechischen Gottes Poseidon. Mit seinem Erkennungszeichen, dem Dreizack, ziert Gott Neptun unzählige Brunnen: z.B. in Wien-Schönbrunn, in Linz, im Nürnberger Stadtpark (Foto oben) oder vor dem Heidelberger Schloss (Foto unten).
Das chemische Element Uran war nach dem Planeten Uranus getauft worden. Im 20. Jh. wiederholte sich ähnliches mit dem Neptunium, nachdem man dieses Element 1940 beim Beschuss von Uranatomen mit Neutronen hergestellt hatte. Dieses Element wurde nach dem Planeten Neptun benannt. Bald darauf erzeugte man so auch Plutonium - und wählte den damals als Planet gehandelten Pluto als dessen Namensgeber.
Die Eigenschaften des Neptun
Neptun stellt mit Uranus einen der beiden Eisriesen unseres Sonnensystems. Als fernster unter den acht Planeten bekommt er nur noch ein Promille des uns vertrauten Sonnenlichts ab.
Ähnlich Uranus, überragt auch er die Erde etwa um das Vierfache im Durchmesser. Die große Entfernung lässt ihn aber zu einem sehr lichtschwachen Objekt mit 7,8 mag verkommen. Man braucht zumindest ein Fernglas, um ihn aufzustöbern. Im Teleskop macht man ein winziges Scheibchen von bloß 2,4 Bogensekunden Durchmesser aus. Um ihn so groß zu sehen wie den Vollmond mit freiem Auge, müsste man Neptun 750 x vergrößern - ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist.
Etwas größere Fernrohre sollten Neptuns Farbe zeigen. Voyager 2 porträtierte den Planeten im August 1989. Die Fotos dieser Sonde wurden allerdings im Kontrast verstärkt, was offenbar auch zu einer Farbverschiebung ins satte Blau führte - siehe das NASA-Foto unten.
Vielmehr ist Neptun türkis, also blau-grün. Aber mit einem leichten Überschuss von Blau. Manche Beobachter wollen sogar ein stimmiges Meeresblau wahrgenommen haben.
Ursache ist jedenfalls Methan, das hier noch etwas stärker beigemischt ist als beim Uranus.
So kann das Methan den Rotanteil des Sonnenlichts eine Spur mehr verschlucken. Ansonsten ist die chemische Zusammensetzung der beiden Planeten ähnlich: Wasserstoff dominiert klar vor Helium.
Neptun selbst sehen
Neptun weilt zur im Sternbild Fische, südöstlich der berühmten Fischellipse. Die letzte Opposition fand am 23. September 2025 statt. Der ferne Planet bewegte sich nur sehr gemächlich weiter. Der schnellere Saturn folgte ihm jedoch und weilte die ganze Beobachtungssaison 2025/26 seiner Nähe.
Die nächste Opposition des Neptun folgt am 26. September 2026. Der Abstand zum Saturn ist dann allerdings auf 9 Grad angewachsen. Neptun wird auch während der ganzen Sichtbarkeitsperiode 2026/27 im Sternbild Fische verweilen, südöstlich ("links unterhalb") der Fischellipse.
Ich verzichte mittlerweile auf detailliertere Aufsuchkarten, da man die Anhaltssterne am lichtverdreckten Himmel Wiens sowieso kaum mehr findet. Wer mag, kann sich solche Karten z.B. mit der preisgünstigen Software GUIDE (USA) selbst erstellen und zuschneidern. Die Koordinaten finden Sie hier.
Vor allem aber empfehle ich den Kauf eines Teleskops mit GoTo-Funktion bei der Suche nach derart lichtschwachen Gestirnen. Diese fahren die gewünschten Objekte bzw. deren Koordinaten bei korrekter Aufstellung selbstständig an.
Auch der Blick durch die Teleskope der beiden Wiener Volkssternwarten (Urania und Kuffner-Sternwarte) oder der mobilen Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie (WAA) bietet sich an: Vielleicht richtet man da ein Instrument auf Wunsch auf den fernen Planeten.
Neptun zur Opposition 2026 sowie jeweils 60 Tage davor und danach im Fernglas
Neptun zum Oppositionstermin 2026 im (nicht umkehrenden) Fernrohr, Bewegung in Tagesschritten. Bildfeld: 0,5 Grad
Galle beobachtete den Neptun am Himmel über Berlin mit einem 9-zölligen Refraktor aus der Werkstatt Joseph Fraunhofers - Foto unten.
Mit einem 20 cm durchmessenden Spiegelteleskop, wie es unter Amateuren recht beliebt ist, kommt man also der Leistung des Entdeckungsinstruments sehr nahe. Aufgrund seiner Distanz von über 4,3 Milliarden km (das entspricht dem 29fachen Erdbahnradius) bleibt Neptun selbst in einem solchen Gerät und bei hoher Vergrößerung ein winziges Scheibchen von maximal 2,3".
Um Neptun im Teleskop ähnlich groß zu sehen wie den Vollmond mit bloßem Auge, müsste man etwa 750fach vergrößern. Das erfordert rein rechnerisch Instrumente mit 15 bis 30 Zoll (ca. 38 bis 75 cm) Öffnung. Dabei würde man die Luftunruhe freilich im gleichen extremen Ausmaß mitvergrößern.
Deshalb werden wir mit Amateurmitteln höchstwahrscheinlich keine Details auf dem Neptun erspähen. Sichtungen weißer Wolken gelangen extrem selten, und zwar mit Profi-Teleskopen von 18 bis 26 Zoll (ca. 45 bis 65 cm) Öffnung. Deren Häufigkeit schwankt nach einer Studie vom August 2023 übrigens im Rhythmus der Sonnenaktivität.
Der Neptun im Achtzöller nach heftiger Bildbearbeitung. Das lichtschwache Objekt führte die hochauflösende, aber nicht sehr lichtempfindliche Planetenkamera NexImage 5 an ihre Grenzen.
Einen wesentlich besseren Blick genoss die NASA-Raumsonde Voyager 2 beim Vorbeiflug im Jahr 1989: Sie fotografierte vor allem einen großen dunklen Fleck auf Neptuns Antlitz (siehe das NASA-Foto weiter oben).
Die Neptunmonde
Von den mehr als Dutzend Neptunmonden ist uns nur der Triton zugänglich. Näheres lesen Sie hier.
Beobachtungsaufgaben
Neptun ist mit großer Wahrscheinlichkeit das entfernteste Objekt im Sonnensystem, das Sie je sehen werden!
Die anschließenden Kuiper-Belt-Objekte sind ihrer bescheidenen Abmessungen wegen sehr lichtschwach. Am prominentesten ist da noch Pluto, dem man 2006 zurecht den planetaren Status abgesprochen hat. Nur unter dem dunkelsten Alpenhimmel hat man bei Pluto vielleicht eine Chance - mit Teleskopen von mehr als 25 cm Durchmesser.
- Gelingt es Ihnen, Neptun aufzustöbern?
- Können Sie ihn im größeren Teleskop klar als Scheibchen erkennen?
- Nehmen Sie im größeren Teleskop eine Farbtönung wahr? Welche?
- Erspähen Sie den Triton im großen Teleskop?
Fototipps
Will man den Neptun wirklich als blaugrünes Scheibchen darstellen, muss man mit möglichst kurzer Belichtungszeit durchs Teleskop fotografieren. Das geht mit der DSLR oder mit der CCD/CMOS-Kamera.
Mit längeren Belichtungen fängt man so auch den lichtschwachen Neptunmond Triton ein. Dabei empfehlen sich Verfahren der Deep Sky Fotografie.
Alle Angaben ohne Gewähr!